Prächtige Panoramen: Dresdner Münzkabinett zeigt Ansichten europäischer Städte

Prächtige Panoramen: Dresdner Münzkabinett zeigt Ansichten europäischer Städte

Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation besaßen große und kleine Fürsten und Städte das einträgliche und mit viel Prestige verbundene Münzrecht. Sie schmückten ihre Münzen und Medaillen mit Wappenschilden, allegorischen Figuren und prächtigen Panoramen, verbunden mit viel Selbstlob und frommen Sprüchen. Die metallenen Miniaturen sind beliebte Sammelstücke, die in der numismatischen Literatur gut aufgearbeitet sind und vom Handel regelmäßig angeboten
werden.

Münze Wien
Die von Johann Höhn geschaffene Medaille von 1683 feiert den Entsatz von Wien durch Truppen unter dem Befehl des polnischen Königs Johann III. Sobieski. Über dem Panorama der Kaiserstadt zerbrechen zwei gekrönte Adler den türkischen Halbmond (Abbildung: Dresdner Münzkabinett).

Münzen aus 400 Jahren

Das Münzkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigt bis zum 24. Januar 2021 anschließend an seine von der Antike bis zur Gegenwart reichenden Dauerausstellung die Sonderschau „Stadtbilder Europas – Ansichten von Städten auf Münzen, Medaillen und Papiergeld“. Vorangegangen war an gleicher Stelle eine Ausstellung zur 500-jährigen Geschichte der Kollektion, der ältesten der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
Kabinettdirektor Rainer Grund wies bei der Eröffnung der neuen Ausstellung darauf hin, dass im Dresdner Schloss mit 3300 Objekten nur ein Prozent dessen gezeigt werden kann, was das Dresdner Münzkabinett an Zeugnissen der Münz-, Medaillen- und Geldgeschichte besitzt: „Wir greifen in unseren Sonderschauen bestimmte Themen heraus, um zu zeigen, welche Schätze sich in unserer Sammlung befinden. Diesmal zeigen wir Stadtansichten auf Münzen und Medaillen, die seit dem 16. Jahrhundert beliebt wurden, und stellen sie gedruckten Panoramen aus dem Kupferstichkabinett gegenüber. So kann man sehen, welcher Vorlagen sich die Stempelschneider bedient haben und wie sie die Stadt– und Gebäudeansichten in das enge Rund einer Münze und Medaille gebannt haben. Ergänzt wird die Schau durch eine kleine Auswahl von Geldscheinen, auf denen historische Stadtlandschaften und einzelne Gebäude effektvoll abgebildet sind. Wir wollen mit dieser Ausstellung zeigen, was Städte und Regionen verbunden hat und wie sie sich gegenseitig inspiriert und vorangebracht haben. Zum Nachlesen geben wir unseren Besucherinnen und Besuchern ein reich illustriertes Booklet mit.“
Mit seiner Sonderausstellung lädt das Münzkabinett, aus seinem reichen Fundus schöpfend, die Besucher zu einer spannenden Reise durch 400 Jahre europäische Geschichte ein. Die von Wilhelm Hollstein und Kathleen Dittrich kuratierte Dokumentation korrespondiert mit der Dauerausstellung ein paar Schritte weiter, in der das Münzkabinett auch geprägte Stadt- und Gebäudeansichten präsentiert. Farbig markierte Beschreibungen verweisen dort auf das nebenan in den milde beleuchteten Vitrinen ausgebreitete Material.
Da von den Stücken immer nur eine Seite gezeigt werden kann, besteht die Möglichkeit, sie als Fotografien beidseitig und ganz groß an einem Monitor zu betrachten und einiges über die Hintergründe zu erfahren, die zur Ausgabe des jeweiligen Stücks geführt haben.

Jubiläen und Katastrophen

Medaille Danzig
Unter den Prunkstücken der Sonderausstellung ragt die Goldmedaille der Stadt Danzig von 1754 auf die 300-Jahrfeier des Abfalls der Stadt vom Deutschen Ritterorden heraus. Die mit einer prächtigen Stadtansicht geschmückte Medaille gibt es in der 279,28 schweren und 80,7 mm großen Goldausführung nur einmal und zwar nur im Dresdner Münzkabinett (Abbildung: Dresdner Münzkabinett).

Vertreten sind in der Sonderschau zahlreiche deutsche und europäische Städte. Zunächst in der Renaissance auf Medaillen, später auf Talern und anderen hochwertigen Münzen sind Bauwerke aller Art als Zeugnisse europäischer Architektur und Lebensweise eindrucksvoll abgebildet.
Anlässe sind Stadt- und Universitätsjubiläen, die Veranstaltung von Reichstagen, Handel und Wandel, aber auch Katastrophen wie Brände und Überschwemmungen. Da und dort fliegen Kanonenkugeln in belagerte Städte, und es wird auch gezeigt, wie Bauern auf dem Ackerland davor friedlich ihrer Arbeit nachgehen oder Händler sich mit Pferdefuhrwerken den Märkten nähern. Ein wichtiges Motiv für Städte und Fürstentümer, sich selbstbewusst auf Münzen und Medaillen zu präsentieren, waren die Luthersche Reformation und ihre Folgen.
Um den Ansichten Tiefe, Würde und Bedeutung zu geben, hat man die Panoramen mit allegorischen Figuren geschmückt und auch die Bereiche vor der Stadt ins Bild einbezogen. Viele bedeutende, aber auch weniger bekannte Städte und Residenzen haben sich auf diese Weise haltbar in Gold und Silber in verschiedenen Perspektiven und Darstellungsformen verewigt. Die Ausstellungsgestalter betonen, dass sich Kirchen, Rathäuser und Residenzen auf den Münzen und Medaillen zumeist gut identifizieren lassen. Sie vermitteln Einsichten in das wirtschaftliche und soziale Leben einzelner Kommunen und lassen erkennen, wie das Umland beschaffen war.

Medaille Leipzig
Von Christian Wermuth 1702 geschaffen, erinnert die Medaille an die Einführung der Straßenlaterne in Leipzig unter dem Motto „Leipzig steckt Laternen an, dass man nette sehen kann“ (Abbildung: Helmut Caspar).

Werbung für die Stadt

Den Stempelschneidern standen außer dem eigenen Augenschein Stiche, Holzschnitte und Gemälde zur Verfügung. Sofern es sich um Städte mit einem Hafen oder solche an einem Fluss handelte, war es nur natürlich, dass man diese gute Lage auch durch Schiffe verdeutlichte, die sich sanft im Wasser wiegen. Frankfurt am Main, Hamburg, Regensburg und andere am Wasser gebaute Städte glänzen mit Panoramen, die effektvoll Gebäude mit dem Meer oder einem Fluss und Schiffen darauf kombinieren. Das Motiv deutet weitreichende Handelsbeziehungen an, die vor allem auf dem Wasserweg kostengünstig und schnell vonstatten gingen. Auch Köln ließ es sich nicht nehmen, seine Gebäude einschließlich des damals noch unvollendeten Doms auf prachtvollen Münzen vom Rhein aus gesehen darzustellen. Mit prachtvollen Stadt-und Gebäudeansichten haben auch Augsburg, Bamberg, Basel, Berlin, Breslau, Dresden, Freiberg, Kopenhagen, Magdeburg, Mainz, Nürnberg, Riga, Thorn, Venedig und viele andere Städte auf sich aufmerksam gemacht. Kommen solche sogenannte Veduten auf zahlreichen deutschen Talern und anderen Münzen vor, so fällt auf, dass in anderen Ländern wie England, Frankreich und Russland diese Möglichkeit der numismatischen Selbstdarstellung nicht oder nur spärlich genutzt wurde.

Medaille Nürnberg
Unter dem Schatten seiner göttlichen Flügel lässt es sich gut und gedeihlich leben, geben die Taler aus Nürnberg und Hamburg zu verstehen (Abbildung: Helmut Caspar).

Das Bedürfnis, Städte mit ihren Panoramen ins enge Rund der Münze und Medaille zu bringen, hängt mit der bürgerlichen Emanzipation und dem Interesse der Städter zusammen, sich gegenüber der Feudalherrschaft und den Begehrlichkeiten der Fürsten in ihrem Umland zu behaupten. Viele ehemalige Leibeigene siedelten sich in den seit dem Mittelalter wie Pilze aus dem Boden schießenden Städten an; hinzu kamen Menschen, die ihren Grundherren entflohen waren. In den Städten waren die ehemaligen Leibeigenen unauffindbar, und auf sie trifft der Spruch „Stadtluft macht frei“ durchaus zu. Da Münzen zum Teil weite Verbreitung außerhalb ihres eigentlichen Geltungsbereichs fanden, erhofften die Städte von ihren eigenen Geprägen Werbeeffekte. Fürsten brillierten mit geprägten Veduten, etwa wenn eine Krönung oder Huldigung, die Geburt eines Thronfolgers und weitere wichtige Ereignisse zu feiern waren.

Medaille Dresden Peter Götz-Güttler
Die Gussmedaille aus Weißmetall wurde 1981 von Peter Götz Güttler auf die 775-Jahrfeier von Dresden geschaffen (Abbildung: Dresdner Münzkabinett).

Ebenfalls entstanden im Zusammenhang mit Kriegen, Belagerungen und Friedensschlüssen sehenswerte Stadt- und Gebäudeansichten. Die ganze Elite der damaligen Stempelschneidekunst hat sich mit diesen Prachtstücken ein Denkmal gesetzt, und auch heutige Künstler bereichern das Thema durch ungewöhnliche, in einer speziellen Vitrine versammelte Arbeiten. Diese Belege zu sammeln, ist eine reizvolle, nicht ganz leichte Aufgabe, die tiefe Einsichten in längst vergangene Zeiten vermittelt.

Text: Helmut Caspar – vollständiger Artikel aus der DBZ-Ausgabe 6/2020


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