Polen: Postbeamte als Helden und Opfer

Polen: Postbeamte als Helden und Opfer

Porträts von Jan Michoń, Alfons Flisykowski und Konrad Guderski vor dem „Polnischen Post- und Telegrafenamt“ in Danzig.

Es kommt nicht oft vor, dass Postbeamte auf Briefmarken geehrt werden. Am 1. September erschien in Polen eine Marke mit den Porträts dreier polnischer Postler, die zu einer Widerstandsgruppe von bewaffneten Postbeamten gehörten, die sich am 1. September 1939, dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen, stundenlange Gefechte im Polnischen Postamt des Freistaates Danzig lieferten.

Danzig war nach 1918 nicht mehr Teil des Deutschen Reiches, sondern hatte den Status einer Freien Stadt unter Aufsicht des Völkerbundes. Die polnische Minderheit erhielt Sonderrechte, zu denen ein eigenes Postsystem gehörte. Seit 1925 residierte die polnische Postzentrale in einem massiven Ziegelbau am Heveliusplatz in Danzig. Verstärkt durch den Aufstieg der Nationalsozialisten sahen sich die polnischen Postbeamten immer mehr Übergriffen ausgesetzt. Nicht selten wurden die roten Briefkästen der Poczta Polska im Danziger Stadtgebiet beschmiert und zerstört.

Der Angriff deutscher Truppen auf polnische Institutionen im Morgengrauen des 1. September 1939 kam nicht völlig unerwartet. Das Gebäude der Post war gesichert, die Postbeamten waren militärisch ausgebildet und mit Gewehren und Handgranaten bewaffnet. Gegen den massiven Angriff von SS-Heimwehr und Polizeitruppen hatten die knapp 60 Postler keine Chance, trotzdem verteidigten sie ihre Post fast 15 Stunden lang. Am späten Nachmittag, als die Deutschen Benzin in die Kellerräume pumpten und Flammenwerfer einsetzten, kapitulierten die Verteidiger der Polnischen Post. 14 starben infolge der Kämpfe. Ein deutsches Kriegsgericht ließ 38 wegen „Freischärlerei“ zum Tode Verurteilte hinrichten.

Das Gebäude der Polnischen Post in Gdańsk im Jahr 2010 (Abb.: commons.wikimedia.org).

Nationaler Erinnerungsort

Die Verteidiger der Polnischen Post in Danzig stehen für den Beginn des Widerstands der Polen gegen die deutsche Besatzung und sind fester Bestandteil der nationalen polnischen Erinnerung. Das zeigt sich auch darin, dass der aktuelle Beleg schon einige Vorgänger hat. Bereits 1946 erschien die erste Marke zur Würdigung der Postkämpfer. 1958 und 2019 wurden uniformierte Postbeamte mit der Waffe in der Hand als Motiv gewählt. 1979, zum 40. Jahrestag des Ereignisses, war das gerade errichtete Denkmal der Verteidiger der Polnischen Post auf einer Briefmarke zu sehen.

Die nun verausgabte Marke zu 3,30 Złoty, in einer Auflage von 168 000 Stück gedruckt, rückt die drei führenden Postverteidiger ins Zentrum. Unter dem Titel „Verteidigung der Polnischen Post in Danzig. Deutsche Aggression gegen Polen“ sind sie vor dem repräsentativen Haupteingang des Postamts zu sehen. Postdirektor Dr. Jan Michoń erschien am Ende der Belagerung mit einer weißen Fahne vor der Post und wurde sofort von den Deutschen erschossen. Der 12er-Block zeigt im Hintergrund stilisiertes Mauerwerk und verweist damit auf die große Ziegelwand hinter dem Postgebäude, an der sich die Kapitulanten aufstellen mussten.

Museum der Polnischen Post

Zum 80. Jahrestag der Verteidigung der Polnischen Post erschien 2019 diese Marke (MiNr. 5150) (Abb.: delcampe.net).

Im Nachkriegsdeutschland wurden die Ereignisse um die Polnische Post lange Zeit vergessen. Bekanntheit erhielten sie durch ein längeres Kapitel im 1959 erschienenen Roman „Die Blechtrommel“ von Günter Grass, einem geborenen Danziger. Die beiden Juristen, die die Todesurteile gegen die Postbeamten ausgesprochen hatten, konnten nach 1945 ungehindert Karriere machen. Erst 1998 nannte ein deutsches Gericht den Kriegsgerichtsprozess gegen die Verteidiger der Polnischen Post Rechtsbeugung, annullierte die Urteile und rehabilitierte die Hingerichteten posthum.

Das durch den Beschuss zerstörte Gebäude wurde nach 1945 rekonstruiert. Heute wird dort im „Museum der Polnischen Post“ mit vielen zeitgenössischen Fotos und Gegenständen nicht nur an den mutigen Kampf der Verteidiger, sondern auch an den Alltag der polnischen Postbeamten im Freistaat Danzig erinnert. Das Gebäude ist aber nicht nur Museum, sondern auch ein Ort der Gegenwart: Die Poczta Polska unterhält dort, wie bis zum 1. September 1939, eine Postfiliale.

Frauke Klinge

 

Zur Info: Muzeum Poczty Polskiej (Museum der Polnischen Post), Plac Obrońców Poczty Polskiej 12, 80-829 Gdańsk (Polen), www.muzeumgdansk.pl (auf Polnisch und Englisch)


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